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Dr. Dietmar Schuth Jozek Nowak in "Galerie Peter Hook" Weinheim am
2. 7. 05 Peter Hook zeigt uns Holzskulpturen des polnischen Bildhauers
Jozek Nowak aus Krakau,
der seit etwa 10 Jahren in Deutschland arbeitet und in Pöcking bei
München
am Starnberger See sein Atelier besitzt.
In Krakau an der Akademie hat er sein Handwerk und seine Kunst studiert,
ein traditionelles Kunsthandwerk, für das seine Landsleute berühmt
sind,
aus dem sich zum Beispiel auch die besten Restauratoren Europas rekrutieren.
Herr Nowak steht also noch auf dem goldenen Boden des Handwerks, wie ein
erster Blick auf seine meisterlich gehauenen Holzskulpturen bereits verrŠt,
eine Qualität,
die sicherlich auch den Kunsttischler Peter Hook überzeugt hat.
Im goldenen Westen dagegen hat sich die Kunst spätestens seit den
20er und 30er Jahren
von der handwerklichen Tradition entfernt und zu einer modernen Ideenkunst
entwickelt,
die sich ganz bewusst von allem Alten befreien wollte.
Das hatte zur Folge, dass die Kunsthochschulen im Westen
bis heute kaum mehr handwerkliches Know How unterrichten
und viele Kunststudenten das viele Jahrhunderte alte Wissen gar nicht
kennen.
Mit diesem Hinweis auf das traditionelle Können des Herrn Nowak,
will ich jedoch keineswegs ausdrücken, dass seine Skulpturen altmodisch
sind.
Im Gegenteil, ein aktuelle Trend geht eindeutig wieder zurück zur
handwerklichen Qualität,
wie der Boom um die Leipziger Malerschule beweist, wo technisch solide
ausgebildete Künstler
aus der ehemaligen DDR international hoch gehandelt werden.
In diesem Sinne möchte ich Ihnen die Kunst von Jozek Nowak
in den nächsten 8 Minuten etwas näher bringen - als eine Kunst,
die sich zwangsläufig mit alten Vorbildern vergleichen lassen muss,
und gleichzeitig sehr modern ist.
Schauen wir also ein bisschen in die Kunstgeschichte, wo wir seit der
Romanik
die ersten figurativen Holzskulpturen des Abendlandes finden,
wie etwa das Gero-Kreuz in Köln oder die Essener Goldmadonna.
Einen grossen Höhepunkt der Holzskulptur erleben wir freilich erst
in der Spätgotik um 1500,
wo zum Beispiel Veit Sto§ den Hochaltar der Marienkirche in Krakau schuf.
Die Herkunft von Veit Stoss übrigens ist unklar, und die Forschung
diskutiert,
ob der auch in Nürnberg und Breslau tŠtige Stoss ein gebŸrtiger Pole
gewesen sei. Wie auch immer, Jozek Nowak kennt ihn sicherlich sehr gut,
hat sich von seinem Können
als Holzschnitzer gewiss beeindrucken lassen, doch künstlerisch einen
vollkommen anderen Weg eingeschlagen.
Wer die temperamentvollen Figuren eines Veith Stoss in ihren pathetischen
Gesten und ihren nahezu barock aufgewühlten Gewändern kennt,
versteht, was ich sagen will.
Die Figuren des Jozek Nowak sind wesentlich leidenschaftsloser
und stehen fast steif und statuarisch auf zwei Beinen, wie wir es aus
der Romanik kennen.
Ganz ruhig, ohne Pathos und Dynamik, fast schon so ruhig wie die vergeistigten
Figuren eines Tilmann Riemenschneider.
Auch sind sie weit weniger fein gearbeitet oder gar ziseliert und poliert
wie die Meisterwerke der Spätgotik, sondern von einer sehr rauen
Oberfläche
und einer insgesamt eher grob erscheinenden Machart.
Sie sehen, dass der Baumstamm nicht ganz verschwunden ist - sein Rest
bleibt als Sockel
übrig und bezeugt die natürliche Herkunft der Kunst aus einem
groben Stück Holz.
Auch die Fü§e und die Hände sind kaum ausdifferenziert, und
die Oberfläche zeigt
noch alle Spuren, die das Werkzeug hinterlassen hat.
Bei diesem Werkzeug handelt es sich zunächst um eine - sehr neuzeitliche
- KettensŠge, die einem recht frischen Baumstamm - meist Eiche - die figurative
Grundform gibt.
Mit Kettensäge arbeiten heute unzählig viele Künstler,
insbesondere die Neuen Wilden
wie Manfred Rennertz oder Markus Lüppertz, die mit diesem aggressiven
Gerät ebenso aggressive und emotional expressive Bildnisse schaffen,
die in ihrer Grobheit oft an afrikanische Kunst erinnern.
Nowak aber belässt es nicht bei diesem groben Schema und aggressiven
Impetus.
Für die feinere Bearbeitung benutzt er ein Beil
und keine Stechbeitel mit Hammer oder Bohrer,
wie es die Kollegen Stoß und Riemenschneider noch bevorzugten.
Nowak benutzt sogar ausschließlich die Axt und nichts anderes.
Diese Beschränkung hilft dem Künstler - wie er mir gesagt hat
- sich ganz auf die Holzbearbeitung zu konzentrieren und nicht ständig
nach einem anderen Werkzeug suchen zu müssen.
Und wenn man das weßß, wird die anfänglich eher grob
erscheinende Machart
plötzlich sehr fein: man sieht zum Beispiel, welche sensiblen Konturen
in den Augen- oder Mundpartien mit dieser Axt möglich sind. Respekt!
Ein weiteres, letztes, Werkzeug ist der Pinsel. Nowaks Skulpturen sind
gefasst, wie man sagt,
farbig gefasst wie die meisten Skulpturen des Mittelalters, ehe ein Tilmann
Riemenschneider die reine Materialsichtigkeit diesseits der Alpen durchgesetzt
hat - wahrscheinlich ein Reflex auf die Kunst der Renaissance, die nach
antikem Vorbild auf realistische Bemalungen verzichtete. (Erst im 18.
Jh. entdeckten die Archäologen, dass auch antike Skulptur und Architektur
grundsätzlich farbig bemalt war - doch das ist ein anderes Kapitel).
Nowak bemalt seine Figuren auf Acrylbasis mit Naturpigmenten
und gibt der Haut einen Teint, den Frisuren eine Haarfarbe, den Augen
meist ein Blau - und er kleidet seine Menschenkinder ganz realistisch
in bunte Stoffe.
Damit kommen wir zu den Menschen, die uns Nowak als Porträts präsentiert.
Es sind alles Kinder und Jugendliche, die er neben der Darstellung älterer
Menschen favorisiert.
Dazwischen schafft der Künstler auch klassische Porträts und
zählt hier durchaus prominente mittelalterliche Menschen wie den
Schauspieler Firek zu seinen Kunden.
Heute sehen wir allerdings nur die jungen Leute, Kinder von Freunden und
Bekannten - dazwischen auch die eigene Tochter.
"Die Jugend sei ästhetisch attraktiver" sagte mir Jozek Nowak -
und sie sei in ihrem Charakter reiner und authentischer.
Doch der Künstler betreibt keinen jugendlichen Schönheitskult,
wie etwa die griechische Plastik, die ihren Göttern stets eine jugendliche,
eine erotische Gestalt gegeben haben. Nein, Nowak zeigt diese Jugendliche
ganz realistisch in ihren Alltagsklamotten,
die Mädels mit ihren nabelfreien Hemdchen mit Spaghettiträgern,
die so manchen alten Lehrer provozieren, und die Jungs in Turnschuhen
und den überweiten Hosen, die ohne Gürtel bis zum Knie herabhängen
und so manche Mutter arg verärgern.
Darüber hinaus haben fast alle die Hände in den Hosetaschen,
was in der alten europäischen Erziehung als unschicklich galt, wie
auch in der klassischen Kunstgeschichte, wo es dieses "Standmotiv" nicht
gibt.
Ja, wir sehen Kids von heute, und Skulpturen, die keineswegs zeitlos sind,
sondern Ÿber die man schon in 10 Jahren vielleicht lächeln wird,
weil die Jungs wieder Gürtel
und die Mädels keine Schlaghosen mehr tragen.
Diese vollkommen fehlende Idealisierung, die die gesamte europäische
Skulptur seit gut 1000 Jahren prägt, ist also sehr modern und erinnert
an den Kunstprofessor Balkenhol, der mit ähnlichen Holzfiguren schon
vor 20 Jahren für Aufsehen gesorgt hat.
Auch die Pop-Art und die superrealistischen Kunststoffabgüsse ganz
normaler Alltagsmenschen eines Duane Hanson ließen sich als Vorläufer
aus der neueren Kunstgeschichte anführen.
Doch diese provozierten vor allem durch ihre Banalität und populistische
Direktheit.
Das, glaube ich, spielt bei Nowak keine Rolle.
Dafür sind seine Figuren letztlich zu seelenvoll.
Denn die in Holz verewigten Gesichter drücken etwas aus.
Bei den drei Mädchen wird sogar ein psychologischer
Moment sehr fein herausgearbeitet.
Zwei Freundinnen wenden sich mit kühlen Blicken von einem dritten
Mädchen ab, das sehr traurig anmutet. Doch besitzen alle drei kleinen
Grazien einen süßen Gesichtsausdruck, ähnlich der Lieblichkeit,
die die Essener Goldmadonna verkörpert.
Bei den anderen Figuren dominiert ein eher ernster Gesichtsausdruck -
kein Mund lächelt
und die Augen schauen eher distanziert, das große Mädchen ein
wenig fordernd, die anderen
eher unbeteiligt. Allen gemeinsam ist eine gewisse Melancholie, die hier
mit der Jugend
konfrontiert wird. Gerade weil die Menschen so jung sind und körperlich
noch wachsen, sind diese Figuren für die Porträtierten schon
in wenigen Jahren eine Kindheitserinnerung.
Die schrundige Oberfläche tut ihr übriges, zeigt die Narben
der Zeit und suggeriert so ein höheres Alter. Auch die Risse, die
das frische Holz verursacht, unterstützen dieses Moment der Vergänglichkeit.
Eine ähnliche Gefühlswelt findet sich übrigens im Jugendstil
vor gut 100 Jahren - in den zierlichen und meist jugendlichen Figuren
des belgischen Barons George Minne zum Beispiel
und ein bisschen auch bei Lehmbruck. Doch will ich es mit den Vergleichen
nicht übertreiben.
Jozek Nowak hat einen eigenen Stil entwickelt, der sich in einer fast
romanisch anmutenden Statuarik in spätgotischer Bemalung der Melancholie
des späten 19. Jahrhunderts und dem Realismus des 20. Jahrhunderts
öffnet. Das Ergebnis ist eine - wie ich finde - sehr poetische Ausstellung
mit faszinierenden Kontrasten. Ich gratuliere dem Künstler und dem
Galeristen und wünsche Ihnen noch einen interessanten Abend. Dr.
Dietmar Schuth, Kunsthistoriker JOZEK NOWAK
Geboren 1962
in Jordanow / Polen
Absolvent Akademie der Bildende Künste in Krakau Fakultät der
Bildhauerei,
Diplom / 1991 Lebt und arbeitet seit 1994 in München und Pöcking/Bayern
Ausstellungen Skulpturen
Galeria Stara Malarnia / Krakau 1992
Jugend aus Krakau Darmstadt 1992
Skulpturen Galerie Lotringerstrasse / Kulturreferat München
1995
Skulpturen Galerie Buchholz / Denklingen 1996
zimmer frei Kunstaktion im Hotel Mariandel Ð Kulturreferat / München
2002
Portraits Galerie am Rathaus / Tutzing 2003
Jahresausstellungen im eigenen Atelier im Enzianhof / Pöcking
1999, 2000-03
Patyki - Neue Zeichen Galerie Goethe`53 / Kulturreferat München
2003
Skulpturen Galerie Andreas Baumgartl / Platzl 4a München 2003
Skulpturen Medi Center Starnberg / O§waldstra§e 1a Starnberg 2003
4 Positionen Galerie Andreas Baumgartl / Platzl 4a München
2004
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